Wie Alles begann

15.12.2017

DEZEMBER 2017

So wir haben jetzt 10:28., ich sitze in der Villa Mann in den Bavaria Filmstudios. Erster Job als Komparse. "Schicker Hotelgast" :-) in der BR Erfolgsserie "Sturm der Liebe" Durfte mein weißes Hemd gegen ein graues wechseln, sonst sehe ich aus wie ein Bediensteter. Soviel dazu. 

Die Anfahrt war schon abenteuerlich. 

Auf das Bavaria Gelände kommst Du ohne Probleme. Bin mit dem Auto 15 Minuten umhergefahren, bis ich hinter entlaubten Bäumen und telefonischer Nachfrage, die Villa fand. Ich nahm meine Sachen aus dem Auto und orientierte mich Richtung Haus. Es war heute Morgen sehr glatt, also Schlich ich mit meinem Sack und Pack durch die Sträucher der Gartenanlage. 

Plötzlich stand ich zwischen ein paar Filmteamleuten, zum Glück kein Dreh, scheinbar nur ne Zigarettenpause. Mit einem selbstverständlichen, aber auch hilfsbereiten "2ter Stock Treppe hoch" beantwortete man mir schon, die nicht gestellte Frage. Über Kabel an Stativen vorbei, bahnte ich mir den Weg in die Villa. "Happy Birthday to you " schallte es mir entgegen, gesungen von mehreren Leuten, die ich nicht sehen konnte. "Och" dachte ich, was für ein Zufall, biste das erste Mal dabei, schon hat einer Geburtstag. "O.k. das lassen wir so" rief eine Stimme. Es war Teil einer Szene, ich muss mich daran gewöhnen, dass alles im Film nur Schauspiel ist. Nun ja, da kommt halt der Rheinländer durch, der sich sofort freut, wenn gesungen wird.

Im Flur, immer noch im Erdgeschoss, saß ein junges Komparsenpaar an einem kleinen Bistrotisch, siehe sahen mich etwas irritiert an, als wenn Sie sagen wollten, "bitte nicht weiter" ein als Kellner kostümierter, drehte sich ebenfalls um, jetzt verstand ich, geh die Treppe hoch in den zweiten Stock und lass alles auf Dich zukommen. Lauf keinem ins Bild.

Der Weg nach oben, wie im richtigen Leben, war gespickt mit etlichen Stolperfallen. Kabel, Requisiten etc. Oben angekommen, klopfte ich an eine halb offen stehende Tür. Beim hineinschauen erntete ich einen fragenden Blick, scheinbar weil ich genauso schaute. Ich dachte hier wird schon wieder gefilmt. Wenn das so weitergeht bekomme ich noch Paranoia!

"Bin ich hier richtig "fragte ich.

"Einfach reinkommen " erwiderte eine Dame. "Hier sind Sie richtig."

Der Raum war ca. 30 qm groß!

Unterschiedlichste Sitzmöglichkeiten boten sich an. 2 Bierbänke 2 Sofas ( echt ekelig) ein paar abgenutzte IKEA Bestelltische, ein rollbarer Kleiderständer mit ein paar Kostümen, die mich daran erinnerten, dass ich noch meine Kleiderschrank von den alten Klamotten befreien muss, die ich seit Jahren nicht mehr trage. Und dann war da noch dieser Paravent bzw. die Paravents oder heißt es Paravans. Ein 3teilger aus Holz und ein etwas größeres Metallgestell mit einer Stoffbespannung dazwischen. Es hing ein Schild an den Gebilden: 

" Bitte die Kostüme wieder ordentlich zurück hängen" dafür muss man sie erstmal anziehen wollen, war mein erster Gedanke.

Gut dahinter werde ich mich dann wohl umziehen, dachte ich. Die beschriebenen Sitzgelegenheiten war teilweise besetzt mit Komparsen oder Ansammlungen von mitgebrachten Kleidungsstücken. Ich legte meine Sachen auf einen der versifften Sessel. Es war ruhig im Raum.

"Und jetzt," fragte ich. "Warten. Den ganzen Tag warten. " war die Antwort, der Dame. Auf einem der IKEA-Lacktische lagen Formulare. Mittlerweile hatte ich mich daran gewöhnt Fragen zu stellen. "Muss man die ausfüllen " ja richtig beantworteten die Dame und jetzt auch ein Herr im Chor. Gott sei Dank eine Beschäftigung. Aber erst zog ich mich hinter den Paravent um.

Oh Mann, ich hatte den Gürtel dabei, den mir die Kinder zu Weihnachten geschenkt haben. Wie das so bei dem Gürteln aus der Türkei ist, lösen sich mit der Zeit die Schnallen vom Leder. Hoffentlich geht mir der Gürtel nicht beim Dreh auf , schoss es mir durch den Kopf, aber mein mittlerweile größerer Bauch gibt dem Ganzen, etwas Stabilität. Er hält die Schnalle von oben. Fertig! Jetzt drängte ich mich wieder hinter den Pravent an 2 Komparsen vorbei, zu meinem Platz. Noch nichts getan und ich hatte schon einen eigenen Platz. Ich schaute mich nochmals um. Oh man das würden wir alles auf den Sperrmüll stellen . Von der Decke hing eine zerrissene Stoffbahn. "Ah, die Decken sind aus Stoff. In diesem Raum wurde scheinbar lange nicht mehr gedreht."

Ich setzte mich und nahm mir eines der Formulare und bekam auch auf Nachfragen einen Kuli gereicht. "Achso!" Ich setzte mich an den Biertisch, der schon ordentlich mit zwei Thermoskannen Kaffee und Wasser, Zucker, Tee, Mülltüten und 3 Pappbechern belegt war.

Die Anwesenden Komparsen waren Profis, sie machten kein Gebrauch davon. Die einzige Lichtquelle war eine Neonröhre, die glücklicherweise vom strahlenden Sonnenschein, der draußen herrschte , unterstützt wurde. Und ich muss nun den ganzen Tag bei dem Wetter hier drinnen ausharren, seufzte ich innerlich.

So Formular ausfüllen! Oh, man verkauft ja seine Seele, war mein erster Eindruck, alles wird geregelt, der Veranstalter ist für nichts verantwortlich. Selbst wenn Unterlagen für die Abrechnung fehlen, muss er nicht nachfragen wo die Bleiben. Egal, was soll schon passieren.

Ich füllte alles ordnungsgemäß aus, habe ja alle Daten auf dem Handy. Handy? Wo lass ich das denn bei den Dreharbeiten. Wenn ich es mitnehme beulte es die Hosentasche soweit aus, dass es wahrscheinlich den Kameramann stört.

O.k. das löse ich bis zum Dreh. Ich lasse das Handy ausgeschaltet im Rucksack und nehme nur die Papiere mit. Wird wohl keiner von den Anwesenden klauen.

So Formular ausgefüllt. Mittlerweile tauschten sich die Komparsen im Raum, einer ging, einer anderer kam, ein weitere schlief. Von unten hörte ich immer nur Stimmen, die den Start und das Ende eines Drehs dokumentiertem. "Ach, haste es gefunden " fragte mich plötzlich ein junger Kerl, der zur Tür hereintrat. " Ja, alles gut" Gott sei Dank, man hatte mich wahrgenommen.

Es vergingen nochmals 30 Minuten, dann betrat eine Frau das Zimmer. " Jemand neu dabei "Ja, ich" rief ich und quälte mich aus den recht niedrigen unbequemen Sessel, in dem ich gerade 30 Sekunden drinsaß. "Aha dunkler Anzug , hmmm weißes Hemd" ich habe auch noch ein Graues dabei" ergänzte ich. "Gut, schwarz weiß tragen nur die Bediensteten. Die Krawatte ist recht bunt, haste eine ruhigere dabei" "Nicht wirklich" ich zeigte ihr die anderen, die ich zur Auswahl mithatte. "Wir nehmen die Dunklere" O.k. dachte ich, die war zwar genauso unruhig, aber so konnte die Dame wenigstens etwas entscheiden. "Hm, schwarze Schuhe o.k." mit den Worten verschwand sie wieder.

"Wo sind die Toiletten" fragte eine junge Komparsin. Es war die junge Frau, die mich schon beim Betreten der Villa so erschrocken ansah, mittlerweile ist sie auch Gast in unserem Wartezimmer. Jetzt ging es los. Die Treppe runter, draußen links nochmal runter und und und. Ich konnte es nicht behalten und Sie wohl auch nicht. Sie verschob Ihr Vorhaben. Die Frage stellte sich nochmals eine Stunde später.

So, verkleidete ich mich auf ein Neues und wartete nun auf die Dinge, die da kommen.

Mittlerweile habe ich mir einen Platz am Fenster gesucht, dort es war es schön kuschelig, weil die Heizung alles her gab was Sie konnte. Zu meinem Erstaunen ging es aber den Grünpflanzen, welche sich auf der Fensterbank befanden, recht gut, warum auch immer . Scheinbar gibt hier einen Mitarbeiter mit einem grünen Daumen. Sogar ein Fliege überlebte, die doch mittlerweile sehr kalte Jahreszeiten, im Biotop.

12:00 es kommt etwas Leben in die Runde, man spricht. Die ersten Gerüchte bzgl. einer Mittagspause machen sich breit. Tatsächlich um 12:15 Uhr ."Pause bis 13:15Uhr " sagt uns, der als Kellner verkleidete Komparse, er scheint sich auszukennen, war wohl schon öfters hier. Prima: erste Runde ohne persönlichen Einsatz geschafft . Ich entledige mich der Anzugsjacke ziehe mir meinen Mantel an und begebe mich mit meinen Mitstreitern auf das Filmgelände.

Erster Eindruck nachdem ich das Grundstück der Villa Mann verlasse, trostlos. Mir fiel das bei der Anfahrt gar nicht so auf, da ich mich mehr mit der Suche der Villa beschäftigte. Aber das sind die Hallen und Kulissen, die uns die heile, saubere und Lupen reine Welt vorgaukeln.

Gegenüber der Villa steht eine von Bauzäunen umsäumter Grosssstadtkulisse. Ein Fenster klappert in der Fassade. Hat wohl jemand vergessen zuzusperren, oder ist das wieder gewollt.

Erste Komparsenregel: Du musst so unauffällig gekleidet sein, wie ein Rabe bei Nacht!

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13:15 Uhr, die Mittagspause ist zu Ende. Das sitze ich wieder. Nach meiner selbst gemachten Semmel bin ich Müde, wenn ich das mit den Worten meiner Schwester begründe, ist das die sogenannte Weissmehlmüdigkeit" für mich ist es einfach nur die Mittagsmüdigkeit" die Eintritt, wenn der Magen müde vom verarbeiten des Brötchen wird. 

14:30 Uhr, der Tag zieht sich.

Es gibt noch eine Einstellung im Fitnessraum, zwei im "Blauen Salon" und eine im "Braustüberl". Was immer das für mich bedeutet.

15:15 Uhr "Du, Du und Du kommst mit " ruft der junge Komparsentreiber, als er die Tür zum Raum aufreißt. Endlich! Ich verstaue alle meine Wertsachen unvorsichtiger Weise in meinem Rucksack und stürze los. Wird schon gut gehen, das mit den Wertsachen, denke ich!

Wir kommen im Erdgeschoss an, dort stehen 3 Kameras auf kleinsten Raum mittendrin ein Billiardtisch. Der Komparsentreiber hält kurz vorm Treppenende inne und weißt zwei meiner Kollegen ein. "Du gehst die Treppe runter und biegst links ab und versteckst Dich unter der Treppe , Du Heinz bitte auch, Du kommst dann wieder zurück, gehst Richtung hintere Tür und schaust etwas neugierig über Deine Schulter auf den Billiardtisch. Du" Jetzt meint er mich während wir gemeinsam das letzte Stück Treppe gehen, "Für Dich habe ich hier einen Koffer versteckt. Stell dich erstmal hinter der Kamera dort auf, wir machen die Probe erstmal ohne dich. " ich nehme den Koffer an mich und merke, dass ich nun doch leicht nervös werde. Wo stehe ich nicht im Bild , unter mir sind Kabel eine Kollegin des Kamerateams fragt freundlich "sorry" Oh, ich stehe auf den Kabeln. Nun fährt die eine Kamera rückwärts. Der andere Kollege macht mich drauf aufmerksam, dass ich wiedermal im Weg stehe.

Ich verdrücke mich in einen Raum ohne das Geschehen aus dem Blick zu verlieren. "Generalprobe läuft" Jetzt kommt Bewegung in den Raum.

Die Szenerie wirkt sehr entspannt. "O.k." Das wars schon. So, darf ich nun durchs Bild laufen. Die Frage wird mir genau jetzt beantwortet.

Meine Hände schwitzen etwas . " Komm mit , Du gehst auf die andere Seite des Raumes. Stell dich neben die Lampe, wenn Heinz die Treppe hochkommt, und auf halben Weg Richtung des Raumes da drüben ist, dann läufst Du los, gerade aus die vier Stufen runter, und versteckst Dich unter der Treppe."

Das werde ich wohl schaffen!

" So alle soweit fertig" ruft der Aufnahmeleiter. Die Schauspielerin hat sich mittlerweile ein Kleid angezogen. Sie bekommt Billiardunterricht.

Jetzt geht's los. Heinz ist auf halber Strecke, verlangsamt seinen Gang, was mach ich, ich laufe los, aber dem Tempo von Heinz angepasst.

Ansonsten passte alles bei mir.

Jetzt hat die Kollegin ausversehen in die Kamera geschaut, eine Todsünde. Sie war sich noch nicht mal sicher. Nun gut, wir wiederholen die Szene insgesamt viermal. 

Ihr glaubt gar nicht, dass man sich plötzlich Gedanken macht, unfallfrei vier Stufen die Treppe hinunter zu gehen und es gerade so schafft. Auch der Hinweis, dass ich etwas schneller laufen solle, blieb nicht aus. Perfekt, meine erste Szene als Komparse ist im Kasten!

Selbstständig verkriechen wir Komparsen uns wieder in unser Wartezimmer, oder besser gesagt in der Kammer des Schreckens. Die anderen sind derweil wieder mit einem Kostümwechsel für die nächste Einstellung beschäftigt.

Schon witzig, ich der nicht warten kann, sitzt 6 Stunden in dieser Kammer, um für 5 Sekunden durchs Bild zu laufen.

Aber Ihr werdet es nicht glauben . Es machte Spaß.

2.Komparsenregel

Zeit spielt keine Rolle.

Nachtrag: seid 14:30 ist die Neonleuchte aus. Ich sehe uns schon ab 17:00 Uhr im Dunkeln, jeder mit leuchtenden Handydisplays, sitzen.

Und so kam es auch! :-)

6 Monate später kam meine Szene im Fernsehen, es war ein Wischer zu sehen, auf dem mich nur Leute erkannten, die mich schon ein Leben lang kennen, wie z.B. Suzanne Eichhorn, eine gute Freundin.